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31 Oktober 2016

von Schirachs “Terror” und das Fehlurteil der Zuschauer - Die dramatische Manipulation

von Roland Bösker

164 mit Sicherheit getötete Passagiere eines Flugzeugs versus 70.000 augenscheinlich mit dem Tode bedrohte Besucher eines Fußballstadions. Die Passagiermaschine ist offenbar von Terroristen gekapert. Sie soll ins voll besetzte Stadion gestürzt werden. Vermutlich. Denn mit Sicherheit ist der Tod der 70.000 erst nach dem Eintritt desselben festzustellen. Der Tod der 164 Flugzeuginsassen hingegen ist im Falle des Abschusses der Maschine mit einer von einem Kampfjet abgefeuerten Luft-Luft-Rakete sicher. In diesem Bewusstsein handelt im verfilmten Theaterstück "Terror" ein Kampfpilot der Bundeswehr, schießt den voll besetzten Passagierflieger ab - und wird vom zu Schöffen ernannten Publikum mehrheitlich freigesprochen. So weit, so schlecht.

Opponiert das fernsehende Staatsvolk damit gegen höchstrichterlich festgestellte Grundsätze der eigenen Staatsverfassung? Stimmt die Behauptung mancher, meist konservativer Politiker, es liege in Fällen wie diesem ein “übergesetzlicher Notstand” vor? Darf der Staat in Gestalt eines Kampfpiloten 164 unschuldige Menschen in den sicheren Tod schicken, um Lebensgefahr von 70.000 unschuldigen anderen abzuwenden? Wäre ein Kampfjet-Pilot in einem solchen Fall freizusprechen, wie es das Fernsehpublikum offenbar sieht? Lässt sich eine solches Szenario überhaupt auf die Frage “schuldig oder unschuldig” im Sinne einer Mordanklage reduzieren?

Ein Kampfjet der Bundeswehr. Wäre der Pilot im "Terror"-Szenario ein Mörder?

Die Antwort auf all diese Fragen lautet “nein”. Genau dies ist der Grundlegende Konstruktionsfehler des verfilmten Theaterspiels: An die Stelle eines analytischen Ansatzes, der unterschiedliche Dimensionen der Problematik unterscheidet, einordnet und bewertet, funktioniert die Reduzierung auf ein Schwarz-Weiß-Muster nach dem Prinzip suggestiver Manipulation der Zuschauer. Aus genau diesem Grunde geht das vielfach lobende Medienecho zu dem szenarischen Versuchsaufbau in die falsche Richtung. Das Publikum wird nicht zu differenzierender Diskussion eingeladen, sondern in die Rolle von Versuchskaninchen gedrängt. Die Abstimmungsergebnisse von mehr als 80 Prozent für "unschuldig" erinnern eher an einen pawlowschen Reflex als an echte gedankliche Leistung.

Dabei reichen vier Analyse-Schritte aus, um die Vielschichtigkeit des Problems zu erfassen und zu diffetenzierender Beurteilung zu gelangen. Analog zu diesen Schritten sind vier Sphären zu betrachten und ein Fazit zu ziehen:

1. Staat: Was kann und soll der Staat dürfen - und welche Folgen sind daraus abzuleiten? Gibt es übergesetzliches Recht?

2. Mensch: Unerträgliche Seelenqualen und der Zwang zur Entscheidung.

3. Soldat: Trägt der Kampfjet-Pilot aufgrund seiner militärischen Ausbildung besondere Verantwortung?

4. Strafrecht: Wie könnte ein Abschuss eines zivilen Jets angemessen gewürdigt werden?

5. Fazit: Zu viel Drama.
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