11 August 2013

Gedanken, die keiner denkt

Sie nennen sich "Anonymous". Ihr Markenzeichen ist eine Maske. Die Vendetta-Maske. Vendetta ist italienisch und bedeutet "Blutrache". Weil "nicht jedem gefällt, was wir zu sagen haben [...] sind wir anonym", heißt es auf der deutschsprachigen Website der so genannten Bewegung. Es geht ihnen um die Freiheit der "subjektiven Wahrheit". Die Subjekte freilich, welche diese jeweiligen "Wahrheiten" denken, verlieren sich in einer anonymen Schar - von Masse zu reden, wäre ein Hohn angesichts der allem Anonymen typischerweise innewohnenden Unzählbarkeit. Seine "Revolution", die Anonymous ausweislich der Facebook-Seite des Netzwerkes anstrebt, gibt das Netzwerk damit der Lächerlichkeit preis. Wohin soll schließlich eine Idee führen, die anscheinend von keiner Person gedacht, von keinem Fürsprecher vertreten und keinen Verantwortlichen proklamiert wird? Sie führt ins ahistorische Nirvana einer Anti-Gesellschaft.



Staatsbürgerliche Freiheit lässt sich ohne Staat ebenso wenig denken wie ohne Bürger. Bürgerliche Freiheit ist eine zutiefst individualistische Errungenschaft: Jede/r darf sein, wie es oder sie es will, sofern dabei keine Freiheiten anderer tangiert werden. Die Emanzipation der Leibeigenen und Untertanen zu Bürgern, zum demokratischen Souverän des Staates, wäre nicht denkbar ohne aktives und passives Wahlrecht. Wahl- und Beteiligungsrechte sind untrennbar von die jeweilige Person, das jeweilige Individuum gebunden. Es gibt keinen anonymen demokratischen Souverän. Anonymität gebiert Verantwortungslosigkeit. Demokratie kann ohne die Übernahme von Verantwortung nicht funktionieren.

Was also soll das für eine Revolution sein, die Anonymous anstrebt? Der von revolter abgeleitete Begriff Revolution bedeutet "zurückdrehen". Nach Lesart mancher (anonymer ?) Online-Heroen soll gesellschaftliche Entwicklung anscheinend zur Bürgerbeteiligung zurück gedreht werden. Nur: Welche Bürgerbeteiligung ist da gemeint? Etwa jene Art der "Teilhabe" am öffentlichen Leben, die sich auf Meckerei und Desavouierung derer beschränkt, die sich namentlich zur Wahl stellen und Ämter bekleiden (unter dem Mantel der Anonymität ginge beides ja auch schlecht...)? Freilich tut der Durchschitts-Revolutionär seine jeweiligen Ansichten vornehmlich aus der sicheren Kollektiv-Deckung des Stammtisches oder unter Angabe irgendwelcher Phantasie-Namen im Web kund. Da muten zum vermeindlichen Kunstwerk stilisierte Masken geradezu avantgardistisch an. Wenngleich der Effekt der gleiche ist: Nicht Gedanken oder Kritik mitsamt Verbesserungsvorschlägen verfangen in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern Verbal-Rüpeleien - mögen sie auch noch so kunstvoll formuliert vorgebracht werden. Kritik ohne Gesichter, ohne Denkende, verkommt zur Worthülse, zum Schmäh, zum Nichts in der anonymen Masse.

Demokratie lebt vom Streit, von der Auseinandersetzung, von der Diskussion und nicht weniger von Emphatie und Verantwortung. Empathie für den Mitmenschen, in dessen Gesichtszügen sich Not und Bedrängis ebenso abzeichnen wie Freude und Wohlergehen. Nicht allein dürre Argumente erfüllen Demokratie mit Leben, sondern in gleichem Maße das Menschsein - das Personsein - das Individuumsein und die Verantwortung dafür. Verantwortung für eigene Interessen und die Artikulierung derselben. Verantwortung dafür, sich selbst die Anstrengung des Denkens zuzumuten, weil eben dieses Denken verantwortungsbewusste Bürger ausmacht. Wer Individualität und damit Verantwortung ablehnt, schaufelt dem Denken ein reichlich tiefes Grab. Die Totengräber tragen Masken.

Wer die (vermutete) massenhafte Ausspähung Technologie gestützter Kommunikation seitens sich anscheinend verselbstständigender Geheimdienste kritisiert, wird mit dieser Kritik keine nachhaltige Wirkung erzielen, wenn er (oder sie) sich selbst hinter einer leblosen Maske verbirgt. Masken denken nicht. Sie entmenschlichen. Die Parolen der Maskenträger sind - so gut sie auch gemeint sein mögen - die Pflastersteine des Weges, den im Zweifelsfalle eben jene beschreiten, die mit der Verantwortung der Bürger für ihre individuellen Recht nichts im Sinn haben. - A propos: Die Steigerung von "schlecht gemacht" lautet "gut gemeint".

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