14 Mai 2014

Die Pazifistin und der Soldat - eine wahre Begegnung

Brittas politische Einstellung ist links. Sie sei Pazifistin, sagt sie. Ihr verstorbener Vater erlebte als Kind den Schrecken der brutalen Besatzung seiner griechischen Heimatinsel Kreta im II. Weltkriege. Er sah erschossene Zivilisten, musste Zwangdienste für die Wehrmacht verrichten. Er erzählte viel davon. Seine Erlebnisse prägen Britta.

Mit dem vom ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler formulierten "freundlichen Desinteresse" kann Britta wenig anfangen. "Desinteresse kann nicht freundlich sein." Interesse allerdings ist auch nicht unbedingt freundlich geprägt. Britta interessiert sich, steht Einsätzen der Bundeswehr aber kritisch bis ablehnend gegenüber.

An der Uni habe es quasi zum guten Ton gehört, gegen Uniformen zu sein, erzählt die zierliche Frau mit kurzen Henna-roten Haaren. Soziologie hatte sie studiert. Sich in der BAFöG- und Sozialberatung des Allgemeinen Studierenden Ausschusses (ASTA) engagiert, dem an den meisten Hochschulen eher links geprägten Selbstverwaltungsorgan der Studierenden. "Die meisten Kommilitonen waren links, das hat meine Einstellung gefestigt."

"Soldaten? Die haben wir als Leute wahrgenommen, die Krieg machen." Also hieß die Lösung 'keine Soldaten'. Kein Militär, kein Krieg. Einfache Logik. Geld sollte nicht für Militär, sondern für den Ausgleich zwischen Arm und Reich, zwischen wohlhabender und "Dritter Welt" ausgegeben werden. Gerechtigkeit finanzieren, nicht Tod und Verderben.

Britta liebt Motorräder, fährt eine schwere BMW. Sieht man sie auf der Sitzbank über den seitlich hervorragenden Zylindern des großvolumigen Boxermotors thronen, befürchtet man unwillkürlich, der Fahrtwind könne die schlanke Frau von der Maschine wehen.

Dass ihr Interesse für schwere Bikes ihr eine Begegnung bescheren würde, wegen der sie Pakete nach Afghanistan schicken würde, hätte Britta wohl niemals gedacht.

Dass das Interesse für schwere Bikes ihr einen guten Freund bescheren würde, für den sie Pakete nach Afghanistan schicken würde, hätte Britta wohl niemals gedacht.

Die Begegnung

1,93 Meter Körpergröße. Kerniger Gesichtsausdruck. Breites Kreuz, durchtrainiert. In seiner Dienststube wird es dunkel, wenn Udo im Türrahmen steht. Er ist Soldat. Berufssoldat. Oberstabsfeldwebel. Der höchste Dienstgrad der Feldwebellaufbahn. Den Dreitagebart hat er aus Afghanistan mitgebracht. "Wir konnten uns nicht rasieren." Er gehört zu den so genannten spezialisierten Kräften der Bundeswehr. Ausgebildet als Infanterist, Fallschirmjäger und Panzergrenadier. Kampftruppe. Fließende Bewegungen. Zwei Meter Mensch in einen Panzer zu zwängen, hält geschmeidig.

Udo liebt seinen Beruf. Vor allem die Zeiten außerhalb seines Dienstzimmers. "Im Einsatz konnte ich meinen Kameraden helfen, sie vor Sprengfallen und Hinterhalten warnen." Er ist Aufklärungsspezialist.

In Afghanistan war Udo schon mehr als ein halbes Dutzend Mal. Meist ganz vorne dabei. Dort, wo Soldaten schießen. Wo Soldaten beschossen werden.

Dort hat er die Wirkung von Sprengfallen neben der Fahrbahn erlebt. Hat Kameraden mit ihren gepanzerten Fahrzeugen "abrauchen" sehen. So nennt er das, wenn ein Fahrzeug angesprengt worden ist.

Udo will am liebsten wieder in den Einsatz. Das hat er gelernt. Das ist sein Beruf. Überleben, durchhalten. Kämpfen.

Zuhause in Deutschland fährt Udo gern Motorrad. Eine BMW. Älteres Baujahr, fast schon ein Oldtimer.

Zigarette auf der Autobahn

Britta ist beruflich viel unterwegs. Im Firmenwagen ist Rauchen verboten. Zigarettenpause auf einer Raststätte. Kaffee aus einem Pappbecher, entspannender Nikotin-Genuss. Eigentlich hat sie nicht viel Zeit, steht unter Termindruck. Aber diese alte BMW... Die muss einfach bestaunt werden. "Super gepflegt sah die aus."

Das schwere Nostalgie-Krad passte irgendwie zu seinem Fahrer: Ein Zwei-Meter-Hühne, der in seiner Motorradfahrer-Kluft ein wenig martialisch wirkte. Britta geht auf ihn zu. "Wir kamen schnell ins Gespräch. Schrauber-Schnack und Biker-Geschichten." Schließlich kommen sie auf Berufliches.

Ein Soldat

Wieder im Auto wundert sich Britta ein wenig über sich selbst. Niemals hätte sie den Beruf des freundlichen BMW-Fahrers erraten. "Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass dieser sympathische Mann noch vor einigen Wochen im Krieg in Afghanistan war und nun in seiner Freizeit friedlich durchs bergische Land kurvt?"

Udo hatte von seinen Einsätzen erzählt. "Eher Alltägliches. Er wollte nicht als Held dastehen." In der Zeitung hatte Britta von verwundeten und traumatisierten Soldaten gelesen. Hatte versucht sich vorzustellen, wie Menschen das Schießen, ständige Gefahr und Angst verkraften. "Und dann steht da plötzlich ein Soldat vor mir und ist ein ganz normaler Mensch..."

"Ich konnte es nicht fassen, dass so ein netter Kerl in den Krieg zieht." Im Stakkatto prasselten ihre Fragen auf Udo ein: "Was wollt ihr am Hindukusch? Wieso kämpfst Du gegen Menschen, die uns nichts getan haben? Welchen Sinn hat das?" Udos Antwort: "Sag Du es mir."

"Er erklärte mir, dass er sich keinen Krieg gewünscht habe, dass er lieber mit seinen Kameraden trainiert und dass er seinen Beruf liebt, weil er gern mit Menschen und Technik arbeitet - und weil er gern dient." Im Sinne der Eidesformel der Soldaten 'der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen'.

"Und Du bist Bürgerin dieser Republik", hatte Udo gesagt, "also diene ich auch Dir. Du müsstest mir also sagen, warum ich nach Afghanistan geschickt werde."

Fürsorgliche Kameradschaft

"Wir hatten auf dem Parkplatz in aller Eile Telefonnummern ausgetauscht", erzählt Britta. Sicher war sie sich nicht, ob sie ihre neue Bekanntschaft, den Soldaten, wirklich anrufen sollte. "Aber unser Gespräch war so nett und so unverkrampft, der Typ so umgänglich und symphatisch - ich wollte mehr wissen, mehr von dem, was Udo im Einsatz erlebt hatte, was die Soldaten dort tun. Einen Veteranen hatte ich mir anders vorgestellt."

Britta hält den Kontakt aufrecht. Während Treffen und gegenseitigen Besuchen berichtet Udo von tagelangen Patrouillen, vom Leben und Überleben in oft eher improvisierten Camps weit weg von den befestigten Feldlagern. Er schildert die Angst, unbeabsichtigt auf Zivilisten zu schießen. "Die sehen einfach alle gleich aus. Und die Taliban nutzen das aus, geben sich nicht zu erkennen und tragen ihre Waffen unter weiten Gewändern."

Als "hochprofessionell und skrupellos" beschreibt Udo die gegnerischen Kämpfer, die in Afghanistan alles bekämpfen, was nicht in ihre Ansichten oder Interessen passt. "Wir nennen deren selbstgebaute Bomben zwar 'improvisierte Sprengsätze', aber die Technik ist ausgereift und äußerst wirkungsvoll." Eine schwere, unter der Straße versteckte Ladung hatte sogar einen mehr als 30 Tonnen schweren Schützenpanzer in die Luft fliegen lassen. Mit der Front voran schlug das Gefechtsfahrzeug im afghanischen Staub auf. Ein Soldat starb. Weitere wurden schwer verwundet.

"In so einem Einsatz braucht es Professionalität. Man muss versuchen, Übersicht zu behalten oder schnell wieder zu gewinnen. Sonst gefährdet man im Gefecht seine eigenen Leute." Doch mit soldatischem Handwerk allein ist es nicht getan. Kameraden, das sind für Udo Menschen, bei denen er fern der Heimat Trost und Halt findet.

"Wenn sich nach einem Gefecht die Anspannung löst, wenn das Adrenalin die Angst nicht mehr überschwemmt, wenn einem langsam klar wird, in welcher Gefahr man sich gemeinsam befindet, dann ist es gut, wenn einen Kameraden mal in den Arm nehmen." Für Britta völlig neue Eindrücke, die nicht mit ihren bisherigen Vorstellungen einsatzerprobter Kämpfer zusammenpassen.

"Udos Erzählungen", sinniert sie, "sind von Mitgefühl und Fürsorge für die anderen Soldaten geprägt. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass so ein richtiger Feldwebel nur knarrzend und hart Befehle bellen kann. Als Udo die ersten Male von seinem Beruf erzählte, war das ganz unwirklich für mich. Ich hatte völlig ausgeblendet, dass in den Uniformen Menschen stecken."

Pakete in den Einsatz

Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sieht Britta nach wie vor überaus kritisch. Eine Welt ohne Krieg und Militär wünscht sie sich. Ihr Verhältnis zu Soldaten aber hat sich grundlegend gewandelt. Im Laufe der Zeit hat sie einige kennengelernt. "Die meisten sind überaus verträgliche, freundliche und fürsorgliche Menschen, die ihren Beruf auch am liebsten im Frieden ausüben." Sie trennt politische Aspekte von der menschlichen Seite. "Wenn ich nicht will, dass Soldaten in den Einsatz gehen, muss ich als Bürgerin in der Demokratie für meine Überzeugung werben. Den Soldaten Vorwürfe zu machen, ist sinnlos und falsch."

Während seiner jüngsten Einsätze in Afghanistan und Afrika erhielt Udo regelmäßig per Feldpost kleine Aufmerksamkeiten und Fresspakete - "mit genügend Inhalt, dass er mit seinen Kameraden teilen konnte."

Aus der Begegnung auf dem Rastplatz ist eine tiefe Freundschaft geworden.

Aus der Begegnung auf dem Rastplatz ist eine tiefe Freundschaft geworden.

Alle Namen geändert.

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Kommentare

Rico schrieb:

Ist schon erstaunlich was sie da alles mitmachen müssen und leider muss ich sagen erhalten Soldaten nicht den Respekt vom volk den sie eigentlich verdienen hatte schon schlimme sachen gehört ...
Es ist wichtig das sich die Soldaten auch an uns anlehnen können den gemeinsam sind wir stark .

vielleicht wird ja mehr aus "Udo" und "Britta"

15 Mai 2014 um 12:36
Rico schrieb:

Mehr :)

15 Mai 2014 um 12:37
Florian schrieb:

Ich war zu Anfang des Artikels etwas erzürnt bei dem Absatz zu der ASTA.
""Soldaten? Die haben wir als Leute wahrgenommen, die Krieg machen." Also hieß die Lösung 'keine Soldaten'. Kein Militär, kein Krieg. Einfache Logik. Geld sollte nicht für Militär, sondern für den Ausgleich zwischen Arm und Reich, zwischen wohlhabender und "Dritter Welt" ausgegeben werden. Gerechtigkeit finanzieren, nicht Tod und Verderben."

Ich dachte dass es doch nicht sein kann dass von der Bildungselite solche Ansichten kommen. Umso mehr hat es mich gefreut welche Wendung es dann in dem Text genommen hat. Meine Exfreundin war auch von Brittas "Schlag" und war selbst erstaunt dass hinter der Uniform doch ein Mensch steckt!

15 Mai 2014 um 06:29
Guy schrieb:

Wissen und Weisheit gehen nicht immer miteinander konform. Viele glauben, an der Uni, ggf. in der ASTA zu sein, wäre ein Freilos für Intellektualität. Falsch!

Jeder Studierte ist erstmal nur ein Fachidiot in seinem kleinen Bereich. Lebensweisheit kann man nur erfahren, nicht erlernen.

15 Mai 2014 um 09:09
Veronika Malic schrieb:

Schade, dass die Menschen, die hier so große Freiheiten und Benefits genießen, nicht in der Lage sind, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die dem Tod in die Augen geschaut haben.

Mission in Afganistan,hatte unteranderem das Ziel, zu den gleichen Freiheiten und Benefits denjenigen zu verhelfen, die davon weit entfernt sind. Auch wenn es vielleicht nur in Einzelfällen gelungen ist, jedes Mädchen, was nicht umgebracht wurde und was auch nur einen Tag in der Schule verbracht hat ist es wert.

Ich glaube aus dieser Normalität fällt es schwer, die anderen Realitäten zu begreifen.

15 Mai 2014 um 10:21
Feindflug schrieb:

Eine Uni ist oftmals ein linker Sud aus weltfremden Toleranzromantikern. Als (ehemaliger) Soldat hast Du da kein leichtes Leben. Aber manchmal ist tatsächlich mal eine "Britta" darunter, die neben ihren hohlen Phrasen doch Interesse für den Menschen zeigt.

15 Mai 2014 um 11:35
Student schrieb:

Schöner Artikel, ich kann es durchaus verstehen, wenn sich (nicht nur Studenten) fragen weshalb deutsche Soldaten fernab im Nahen Osten "unsere Sicherheit" verteidigen müssen. Natürlich sind die Soldaten an sich nicht für den Krieg verantwortlich, dennoch würde ich es begrüßen, wenn ein Soldaten begründen kann, warum er dort kämpft. Insbesondere weil Soldaten auch Menschen sind, müssen in meinen Augen auch Befehle reflektiert werden.
Es ist weiterhin wichtig jeden Krieg zu hinterfragen, aber es müssen eben auch die Verantwortlichen angegangen werden.

15 Mai 2014 um 11:54
Soldat schrieb:

Ich kämpfe, weil das Volk der Bundesrepublik Deutschland durch seine Vertreter im Bundestag dieses mit einer Mehrheit gewünscht hat.

Wir dienen Deutschland mit allen Konsequenzen

Und dieses kann ich nach 1921 Tagen im Ausland sagen. Wir wünschen uns nichts mehr als Frieden

15 Mai 2014 um 12:18
Roberto schrieb:

Ja "Soldat" dem kann ich mich nur anschließen. Ich wünsche mir schon lange das man unseren Soldaten solchen Respekt zollt, wie in vielen anderen Ländern. So konnte ich erleben welche Achtung, Privilegien und Respekt die GI in den Staaten genießen. Allen sei nur gesagt kein Soldat schickt sich selbst in den Krieg, dass sind schon wir Oder die die wir dazu ermächtigt haben. Von mir a l s ehemaligen NVA gedienten...Hut ab für unsere Jungs die am Hindukusch oder wo auch immer den Arsch für uns und unsere Freiheit hinhalten.

15 Mai 2014 um 12:57
Brücke schrieb:

Befehl oder Zufall

Es gibt immer rhetorische Phrasen, die abgegriffen sind. Immer „Fallen“ die man einer bestimmten Gruppe von Menschen oder deren Äußerungen, stellen kann. Meist nutzen gebildete oder belesene Menschen diese Phrasen aus um weniger beredte Menschen vor zu führen. Um sie schwach oder dumm da stehen zu lassen. Sie führen nicht zum hinterfragen. Sie führen dazu das Menschen gedemütigt werden. Was aber jedoch nicht zu einem Dialog oder gar zu einer Lösung führt. Es beschwört nur Hass herauf.
Und Hass ist es ja was die meisten Pazifisten eben „angeblich“ nicht wollen oder dessen großen Bruder Kampf/Krieg.

Wenn ich einem Soldaten die Fragen stelle: Warum kämpfst Du? Warum gehst Du in ein Konfliktgebiet/Krieg? Wieso schießt Du auf Menschen?
Dann MUSS die Antwort immer lauten: Es ist mein Befehl

Wenn ich einen Arbeiter frage: Warum arbeitest Du an dem Auto? Wieso arbeitest Du zu DIESEN Arbeitszeiten? Wieso arbeitest Du nicht an etwas anderem?
Dann MUSS die Antwort immer lauten: Es ist mir von meinem Chef angewiesen worden

Es ist nicht meine Absicht hier das potentielle töten und das abarbeiten von Akten moralisch gleich zu stellen. Ich möchte nur aufzeigen wie schnell eine Falle jemanden lächerlich macht.
Beim Soldaten wird gleich laut protestiert: Befehl entschuldigt nicht alles. Auch die Mauerschützen hatten „Befehle“!
Beim Arbeitnehmer wird nur mit den Achseln gezuckt und argumentiert: Der Chef muss eben für die Arbeitsabläufe sorgen…
Das eine wird gleich moralisch hinterfragt oder einfach abgeurteilt das andere ist eben „natürlich“.

Soldaten werden durch Befehle am Leben gehalten! In einer Gefechtssituation muss man nach Befehlen handeln. Das ist eben das was den Ablauf regelt… sieht man hier nicht auch Parallelen? Welcher „Bundeswehrgegner“ kennt denn die „stehenden moralischen Befehle“ des deutschen Bundeswehrsoldaten? Wer von den Menschen, die gerne philosophische, ethische und moralische Phrasen-Fallen stellen weis von dem gesetzlich VERANKERTEN soldatischen Verhaltenskodex?

Ich habe mal einen sehr belesenen Mann und Soldatengegner gefragt ob er mir sagen könne wo man die Grundlagen findet, wie man „Nichtcombatanten“ behandelt. Merkwürdigerweise wusste er nicht das unser Grundgesetzt die Vorlage bildet. Die Würde des Menschen wird als „Befehl“ gehandelt. Jeder Ausbilder ist VERPFLICHTET seine Untergebenen mit würde zu behandeln, ebenso Kriegsgefangene und die Zivillisten.

Ein Soldat erhält Befehle. Und wir erteilen sie. WIR?
Ja. Wie einige meiner Vorschreiber schon erwähnten: Die Politik bestimmt wie das Militär eingesetzt wird. Wir bestimmen die Politik. Ich weis das ist komplizierter als hier da gelegt. Aber der Beruf des Soldaten ist es ebenso. Es gibt nicht nur das töten!

Wer fragt denn schon einen Soldaten, wenn dieser gerade Sandsäcke stapelt (um Menschen vor einer Flutkatastrophe zur schützen), warum er dies tut? Wer fragt denn einen Soldaten dies um ihn als moralisch verkommen da zu stellen? Keiner!
Aber auch hier ist die Antwort: Er erhielt den Befehl
Soll er diesen Befehl etwa auch verweigern weil er keine Lust hat oder sich selbst gefährdet?

Ja, jeder Befehl wird… NEIN muss hinterfragt werden! Aber ein Soldat hat mit seiner Berufswahl schon entschieden, das er evtl. einmal, um UNS oder seinen Kameraden zu schützen, auf Menschen schießen muss.

Ich bin so ehrlich und muss sagen: Ich war kurz bei der Bundeswehr (habe mich „freiwillig“ vor meiner Zeit einziehen lassen) und konnte es dennoch nicht ertragen eine Waffe abzufeuern. Ich habe nicht einmal Übungsmunition abgefeuert…
Wie es aussehen würde, wenn ich oder jemand aus meinem Freundeskreis oder meiner Familie bedroht wird, weis ich nicht. Aber ich bin dankbar das es Menschen gibt die mich VOR dieser Wahl schützen.

Ich bin Pazifist. Aber nur weil ich nie die wirkliche Wahl treffen musste. Ich leiste mir den Luxus zu sagen: Ich feuere keine Waffen auf Menschen ab. Aber ich kann dies nur, weil es Polizisten und die Bundeswehr gibt. Die Menschen welche den Mut haben sich in Gefahr zu bringen und sich evtl. den Groll einiger Illusionisten und Realitätsfremden aussetzen.

Man kann immer leicht sagen: ICH würde DAS NIIIIIE TUN… wenn man noch nie dazu gezwungen war! Es ist immer leicht Reden zu schwingen, wenn man sich auf der moralisch sicheren Seite weis. Aber sich wirklich informieren, das machen nur die wenigsten.

Und die Geschichte von „Britta und Udo“ macht mich ehrlich traurig.
Nur durch Zufall wurde Einsicht gewährt und nicht durch wahres Interesse am Menschen oder das hinterfragen der eigenen Ansichten und Beweggründen. Was ja ein Soldat immer tun soll, wenn es nach gewissen Menschen geht. Aber von sich selbst kann man das nicht erwarten?

DAS ist das gefährliche an der angeblichen „moralischen“ Überlegenheit!

15 Mai 2014 um 02:52
Soldat Retschebue schrieb:

Endlich mal eine Geschichte die schön ist. Endlich zeigt sich mal, was passiert, wenn man nicht nur Stumpf die jeweils andere Seite verunglimpft und verteufelt (ohne Sinn und Verstand!) Es sollten sich viele Studenten und viele Einwohner Deutschlands sich mal solche Gedanken wie diese oben genannte Frau. Danke für diesen Bericht!

15 Mai 2014 um 05:59
Harlekin schrieb:

@ Brücke
Endlich mal, ein Text von einem Pazifistisch eingestellten Mann.
Es ist schön zu Lesen das du dich mit der Materie so auseinandersetzt, und es ist schön das es auch mal einer sagt.

Nur leider ist es Traurig das der Prozenteil verschwindend gering ist und nicht wissen WER uns in den Krieg schickt.

Jeder müsste sich mal hinterfragen wer Schickt die Soldaten und in welchen Auftrag handeln sie daunten.

Jeder müsste sich hinterfragen wie fühlen sich die Jungs daunten, was machen die grade durch, was haben die für Entbehrungen.

Und wenn die Geschichte wenigstens etwas zur aufklärung Beitragen kann finde ich das gut.

15 Mai 2014 um 07:31
Brücke schrieb:

ICH habe die Erfahrung gemacht das ich nicht viel Erfahrung habe… Klingt merkwürdig aber DAS ist eben der Knackpunkt. Ich war eben beim Bund und habe Kontakt zu Soldaten. Und EX-Soldaten. Aber was ich eben nicht beurteilen kann oder eben nichts darüber sagen/schreiben kann: Konditoren. Woran leiden sie; Was bewegt sie; Worin übertreiben sie usw.

Ich versuche mir immer einen gewissen „Überblick“ zu verschaffen. Ich rede gerne mit den Menschen.

Konditor, Soldat… wo ist da die Relevanz?
Es ist die Art in der ich VERSUCHE die Menschen zu sehen.
Ich hasse es das Männer und Frauen auf Grund ihres Berufes, Religion anderer Ausrichtungen über einen Kamm geschert werden. Nichts ist schlimmer als wenn man etwas rundheraus verallgemeinert.

Das ist auch der Grund warum ich mich hier zu Wort melden musste.
Wie ich schon schrieb: Ich finde die Geschichte traurig…

Menschen die sich ja sooooo tolerant geben, sind es überhaupt nicht. Denn was nicht in ihre angeblich nicht definierte Welt passt ist böse oder verachtenswert. Es ist immer das selbe. Die einen geben Parolen vor, die anderen nehmen sie auf und die dritten glauben sie… ohne nachzudenken.

Einer der übelsten Aussagen finde ich eben:
"Die meisten Kommilitonen waren links, das hat meine Einstellung gefestigt."
Es wurde nicht aufgeführt welche Argumente sie überzeugten… nein es war die Tatsache das es viele Menschen gab die eben dagegen waren. Also konnte es nicht falsch sein. Wieder ein Fall von geistlos gefolgt weil es einen bestätigt oder gefällt. Gefolgt das es ja intellektuelle gewesen sind. Währen es Maurer, währe es wahrscheinlich ganz anders gewesen. Wieder wahrscheinlich eine Verallgemeinerung: Intelligente Leute oder Akademiker müssen ja Recht haben.
Also keine stichhaltige Argumentation oder das aufführen von Fakten war führend… Nein es war mehr oder weniger der Herdentrieb.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch für die positive Resonanz bedanken.

Alg…
Brücke

15 Mai 2014 um 11:04
Commander_K33n schrieb:

@Brücke: Danke für diese erwachsene Weltsicht. Sie sprechen meinen Empfindungen zu diesem Thema aus der Seele!

Ich bin selbst Soldat, habe mich für 12 Jahre als Offizier verpflichtet und stamme aus einer Stadt, die als große Universitätsstadt traditionell ziemlich weit links geprägt ist.
Zu Beginn meiner Laufbahn erlebte ich es als junger, dynamischer, ungebundener Mann des öfteren, dass mich eine Bekanntschaft (meist eine Studentin) nach meinem Beruf fragte. Anfangs war ich ehrlich, und wurde dann stets Zeuge, wie mit einem "oh" die gedankliche Schublade aufging, ich unter "Mörder/Brandschatzer/unkritischer moralisch fragwürdiger Mensch" einsortiert wurde und das Gespräch noch maximal 30 Sekunden dauerte - soviel Zeit wie es eben erfordert, sich von etwas unangenehmem zu lösen, ohne unhöflich zu wirken.
Ich finde es beachtlich, dass es offenbar auch Leute mit linker/pazifistischer Weltsicht gibt, die über den Tellerrand blicken können und dem Anderen, Andersartigen auch seine Daseinsberechtigung zubilligen können, ohne das mit einem "aber" zu versehen.

Ich bin nie in Afghanistan gewesen und bin ehrlich gesagt froh darum. Ich kenne dafür die Republik Kosovo recht gut und finde es bedauerlich, dass in der vermeintlich so toleranten und friedliebenden Weltsicht mancher Gewohnheitslinker nicht mal dieser Einsatz eine moralische Berechtigung erfahren hat. Alles wurde auf das durch den UNSC nicht gebilligte luftbombardment 1999 reduziert, womit ja dann auch der noch immer andauernde (und auch noch immer notwendige) Bundeswehreinsatz bei KFOR kein legitimes Unterfangen wäre.

Dabei lagen und liegen die Gründe für diesen Einsatz auf der Hand. Es hat Massengräber im Kosovo gegeben, von 1997 bis 1999 taten Serben und Kosovoalbaner einander unvorstellbare Grausamkeiten an. Und etwas ähnliches wie Srebrenica im Bosnienkrieg zu verhindern ist denke ich ein starker moralischer Rechtfertigungsgrund auch ohne völkerrechtliches Mandat, das es gegen den Widerstand Russlands auch nie gegeben hätte.

Ich will mit diesem Exkurs auf eines hinaus: Die Bundeswehr tut mehr, als "unsere Freiheit am Hindukusch zu verteidigen". Sie ist immer ein außenpolitisches Instrument unserer Legislative, keinesfalls mehr ein Staat im Staat wie noch zu Weimarer Zeiten, und sie wird nichts ohne oder gar abseits eines parlamentarischen Auftrags tun.

Wer in der Deutschland lebt, mit all seinem Wohlstand und Privilegien, und die Rechtmäßigkeit unseres Staates sowie seine demokratische Konzeption nicht prinzipiell in Frage stellt, kann eigentlich nicht die Bundeswehr per se verdammen ohne damit auch etwas über sein eigenes Demokratieverständnis oder zumindest seine (fehlende) Realitatsnähe auszusagen. Denn so schön es wäre, keine Armee zu brauchen... Irgendwer wird dieses Spielchen nie mitspielen und anderen mit Waffengewalt seinen Willen aufzuzwingen versuchen. Ob das dann das beabsichtigte Resultat war, wenn wir dereinst ohne Bundeswehr durch solche Mächte erpressbar (weil komplett wehrlos) werden... Ich wage es zu bezweifeln.

Ich für meinen Teil kann nur sagen: ich will zwar nicht Berufssoldat werden, da ich nach einem familienfreundlicheren Beruf Ausschau halte, bin über dennoch stolz und froh, in diesem Land so privilegiert und in Wohlstand leben zu dürfen, und würde mein Leben geben, um Land und Leute vor denen zu schützen, die diesen Status oder unsere demokratischen Ideale zu unterminieren trachten.

Und ich bin trotz allem (oder vielleicht gerade deshalb) auch ein ganz normaler Mensch.
Ich würde mich nur freuen, wenn ich das manchen Leuten auch mal verständlich machen könnte, ohne schon beim Wort "Soldat" in einer der unteren Schubladen zu verschwinden.

16 Mai 2014 um 08:50
Brücke schrieb:

Erwachsene Weltsicht? Um Gottes willen... ich möchte mir meine kindliche Neugier bewahren und alles als Wunder sehen. Als neue Erfahrung. Die meisten "Erwachsenen" reglementieren alles mit überflüssigen und sogar gefährlichen Konventionen zu tode.

Beispiel?
Soldaten = Ballern = Mörder = BÖSE

Ein Kind sieht den uniformierten oder den Arbeiter oder den Spaziergänger auf die selbe weise.
"Der kann mir mein Eis kaufen!"
Ok lapidar ausgedrückt aber Kinder sehen die Menschen, nicht die Rollen, welche sie ausfüllen.

Erwachsen will und wollte ich nie sein. Leider kam die Welt sehr "erwachsen" daher kommen ;o)

Sinn oder Unsinn von Bundeswehreinsätzen ist ein langathmiges Thema. Aber eines ist klar: Die Bundeswehr hat sich einen klasse Ruf aufgebaut. Nicht bei uns! Bei den Menschen welche in den Kriesengebieten leben. Kaum einer wusste zu meiner Zeit (vor ca. 12 Jahren) das die hälft der noch im Kosovo verbliebenen, ausländischen Hilfstruppen, "Bundis" waren. DIE HÄLFTE! Amerikaner, Franzosen usw. stellten ZUSAMMEN nur 50%. Und das war zu einer Zeit das war das Gebiet schon lange aus den Medien, als Kampf oder Kriesengebiet.

ICh habe immer Angst das die deutschen Soldaten die Funktion der Amerikaner nachahmen wollen. Als Weltpolizei. Leider sehe ich da auch einen Trend hin...
Aber noch sind unsere Truppen diejenigen die Schulen errichten, für Trinkwasser sorgen, anständige Polizeikräfte ausbilden.
Das ist es noch was ich haupsächlich sehe. Und nicht den ballernden Muskelmann in vorderster Front (wie sich die USMC so gerne zeigen).

16 Mai 2014 um 12:12
Thomas Otten schrieb:

Als ehemaliger SaZ4, für dessen damalige Kameraden es schon eine Zumutung war,wenn sie zur Radarüberwachung in die Türkei sollten,liest sich dieser Bericht nur positiv. Ich weiss nun auch nicht, was wir am Hindukusch sollen,..aber ich habe es damals ebenso gesehen. Ich hatte einen Eid geschworen, und war ihm verpflichtet. Dies konnte ich dann auch immer meinen Freunden und Bekannten klar darlegen.

16 Mai 2014 um 10:33

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