09 April 2015

Wie zivil sollen Helden sein? - Soldaten und die zivile Gesellschaft

Wie viel „Zivilist“ soll in Soldaten der Bundeswehr stecken? Welches Maß archaischen Heldentums verträgt (oder braucht?) die moderne Zivilgesellschaft? Für was für Werte darf (oder muss?) man bereit sein zu töten? Für welche Werte sollen Soldaten ihr Leben riskieren? Und bedeutet das Bestreben „den Hass auf den Westen verstehen zu lernen“ tatsächlich „Selbstbezichtigung“ vor dem Hintergrund, dass militärische Interventionen der jüngsten Vergangenheit keinen Frieden in Afghanistan und anderswo hinterlassen haben, sondern fortwährende Zerrissenheit und Gewalt?

In ihrer Kolumne „Nennen wir sie Helden“ auf Zeit-Online vom 20. November 2014 plädiert Thea Dorn dafür, Bundeswehrsoldaten als Helden zu bezeichnen. Wenn, ja wenn sie sich „im Herzen jene Zivilität bewahren, die zu verteidigen sie aufgebrochen sind“ - und kritisiert das Attraktivitätsprogramm des Verteidigungsministeriums für die Bundeswehr als hilflos und weltfremd, weil es das dem Soldatenberuf anhaftende Archaisch-Kämpferische vernebele und damit letztlich auch die Soldaten unglaubwürdig wenn nicht lächerlich dastehen lasse.

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Macht Bundeswehr-Werbung Soldaten lächerlich?

Aus Dorns Worten spricht dabei weniger fundierte Kritik als vielmehr eine tiefe und meines Erachtens für unsere Auffassung vom zivilen Menschen typische Verunsicherung: Wie zivil ist eine Gesellschaft, die Soldaten letztlich mit der Aufgabe betraut, zu töten und sich dem Risiko des Getötetwerdens auszusetzen?

Der „Glaube, dass kein Mensch das Recht hat, eines anderen Menschen Leben auszulöschen, ganz gleich wie unmenschlich dieser auch verhalten hat, macht die tiefe Zivilität unserer Gesellschaft aus“, behauptet Thea Dorn. Eben deshalb werbe die Bundeswehr auch mit einer sehr zivilen Kampagne um neues Personal: Hinter kinderfreundlich eingerichteten Kasernen, mit Internet-Zugang verkabelten Stuben und flexiblen Arbeitszeiten bleibe werde die eigentliche Aufgabe der Soldaten verschleiert: Zu kämpfen und gegebenenfalls eben auch zu töten respektive bereit zu sein, sich dem Risiko des eigenen Todes auszusetzen.

Die Art und Weise, wie dabei zivile und militärische Kategorien durcheinander geraten, ist symptomatisch sowohl für die Wahrnehmung der Aufgabe von Soldaten in Medien und Gesellschaft. Irgendwie ist halt alles zivil. Und was nicht zivil erscheint, dem wird das Mäntelchen vermeintlich ziviler Standards der Lebensführung umgehängt. Gerade wie es die Werbung des Verteidigungsministeriums anscheinend vormacht.

Nun verschleierten durchaus auch frühere Werbestrategien der Bundeswehr gewisse, mit zivilem (Er-)Leben auf den ersten Blick kaum zu vereinbarende Aspekte des Soldatischen: Auch hinter romantisierend-archaischen Bildern von Kameradschaft am Lagerfeuer und manchmal fast schon infantil anmutenden Darstellungen lehm- und dreckverschmierter Gesichter trat der Aspekt des Tötens ebenfalls in den Hintergrund. Nur störte das kaum jemanden, so lange die Bundeswehr „kämpfen konnte, um nicht kämpfen zu müssen“, wie eine beliebte Beschreibung des Auftrages der Bundeswehr im Polit-Sprech von damals lautete.

Heute müssen Soldaten der Bundeswehr kämpfen können, um ihre Aufträge zu erfüllen – und dabei zu überleben. Überleben? Zivilgesellschaftliche Diskussionen um Leben und Tod drehen sich in der Regel um Testament, Patientenverfügung und Palliativmedizin. Vom Erleben des gewaltsamen Todes anderer ist eher selten die Rede. Von anderen, die neben einem fallen, tödlich getroffen zu Boden sinken – oder von eigenen Waffen niedergestreckt werden –, ist im zivilen Alltag nicht die Rede. Wäre unsere „Spätmoderne“, wie Dorn formuliert, weniger „anämisch“, wenn solche Dinge Gegenstand unseres täglichen zivilen Lebens wären? Und sei es in Form von zu Werbung vermanschten Darstellungen angeblich heroischen und eben deshalb die Zivilgesellschaft nicht tangierenden Kriegshandwerks?

Ohne Gesetz keine Zivilität

Nein, nicht unsere Zivilgesellschaft ist geprägt von der Überzeugung „dass kein Mensch das Recht hat, eines anderen Menschen Leben auszulöschen“. Es handelt sich um einen Grundsatz unseres Rechtssystems, unserer zivilisierten Gerichtsbarkeit. Die Idee der „rule of law“ basiert auf der Erkenntnis, dass Menschen eben nicht von Natur aus „zivile Wesen“ sind. Demokratisch legitimierte Rechtsstaatlichkeit bändigt sowohl den Wolf im Menschen wie auch den diesen Wolf kontrollierenden Leviathan, indem sie auf „checks and balances“ setzt. Ein Prinzip, das die Väter der US-amerikanischen Ur-Verfassung aus der britischen Rechtsentwicklung destilliert und mit Aspekten des römischen Rechts vereint haben.

Kaum ein zivilisierter Mensch unserer Gesellschaft nähme eine Bedrohung seiner selbst oder nahestehender Personen widerstandslos hin. Der verbreitete Voyeurismus angesichts schwerer Unfälle oder der Folgen schwerer Gewalttaten konterkariert dieses Prinzip nur anscheinend: Die Opfer solcher Vorfälle sind ja schon tot oder verletzt. Man kann ja sowieso nicht mehr tun. Jedenfalls nicht mehr als die Rettungskräfte, die ja sicherlich schon jemand anderes alarmiert hat...

Das vermeintlich Zivile ist anscheinend ein wenig degeneriert, möchte man meinen. In früheren Zeiten wurde als Therapie wahrscheinlich die Lektüre Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ verordnet. Verbunden mit „physiotherapeutischen“ Maßnahmen, deren Ergebnisse dann „hart wie Stahl, zäh wie Leder und flink wie Wiesel“ waren. Ich bin froh, dass es solches nicht mehr gibt. Ich rege mich lieber zuweilen über ein paar „Weicheier“ auf – und trete denselben notfalls in den sprichwörtlichen Hintern –, als dass ich geistig und seelisch degenerierte, auf Kampf und Töten getrimmte Menschmaschinen um mich weiß.

Erlebnisse im Einsatz

Nichtsdestoweniger gilt es, sich Situationen vor Augen zu halten, wie sie in Einsätzen der Bundeswehr vorkommen: Geschändete und verstümmelte Leichen in Häusern, die die Soldaten beschützen oder durchsuchen sollen. Frauen und Kinder mit Sprengwesten, losgeschickt als lebende Bomben – nicht anders zu stoppen als mittels gezielten Feuers. Buben, kaum größer als ihre Kalaschnikow, die sich wider jeden Verstand in aussichtslose Schlachten stürzen und nicht einmal wissen, was denn eine Jungfrau eigentlich ist. Und Kameraden. Verwundete Kameraden. Neben einem, vor einem, hinter einem selbst. Man selbst in knapper Deckung kauernd zum Durchhalten verurteilt ohne helfen zu können.

Mehr noch: Auch jene (Mehrzahl) der Soldaten, die in Einsätzen wie in Afghanistan ihre Camps und Lager gar nicht verlassen, leiden mit jenen, die sich tatsächlich der Realität von Gefechten, vom Schießen und Sterben stellen. Viele Soldatinnen und Soldaten sind eben nicht in erster Linie Kämpfer, sondern unterstützen die eigentliche Kampftruppe in vielfältigen Funktionen. Vom Netzwerkadministrator über Klimatechniker bis zum Logistiker.

Mit welchen Bildern soll die Truppe für sich werben? Und mit welchem Ergebnis?

Verkrachte oder hoffnungslose Existenzen finden sich in der Bundeswehr ebenso wie in allen anderen Berufen. Wie anderswo auch werden sie in der Bundeswehr entweder aufgrund neuer Erfahrungen so sozialisiert, dass sie Kameradschaft, Verantwortung und mitdenkenden Gehorsam schätzen lernen – oder sie werden wie in anderen Berufen auch entlassen. Bei der Bundeswehr im Zweifelsfall früher als andernorts. Wenn es um Leben und Tod geht, müssen menschliche Risiken minimiert werden.

Also geht es um den verantwortungsvollen, im Idealfall reflektierten Bürgersoldaten, den auch Dorn anspricht. Wenn eben solche Menschen die Zielgruppe darstellen, aus der die Bundeswehr ihre Soldaten rekrutieren möchte, dann ist es logisch, die Menschen auf Augenhöhe anzusprechen. Wer Rambos haben möchte, muss mit Rambo-Motiven werben. Wer Frauen und Männer mit ziviler – und damit für Auslandseinsätze unerlässlicher interkultureller – Kompetenz in der Armee haben möchte, muss eben solche Menschen auf einer zivilitäts- und alltagskompatiblen Ebene ansprechen – und dabei Aspekte des soldatischen Alltags nicht ausblenden. Eben weil dieser Alltag oft näher am zivilen Erleben stattfindet, als manch Außenstehender sich das vorstellt.

Wir Zivilen sind die Guten?

Es bleibt das trübe Gefühl, dass die Kritik an Werbekampagnen und Attraktivitätsprogramm des Verteidigungsministeriums letztlich nichts anderes ist als eine diskursorische Nebelkerze: Würden Soldatinnen und Soldaten so rekrutiert und behandelt, wie man es schließlich aus zig Kino-Filmen und Vorabend-Serien kennt, dann hätte man a) Helden, b) genug Gründe, sich über eben diese zu mokieren, und c) die Bestätigung, dass man sich im Schein der nur anscheinend selbst erarbeiteten (tatsächlich aber schlicht angewöhnten und unreflektiert belassenen) Zivilität sonnen und die armen Teufel notfalls zu eben diesem schicken kann.

Nein, die Kritik an Werbe- und Attraktivitätsmaßnahmen lenkt lediglich davon ab, dass Soldaten nicht trotz, sondern wegen ihrer menschlichen Normalheit ihren Beruf ergreifen. Und davon, dass archaische Elemente zu unser aller Menschsein gehören. Und damit davon, dass Soldaten zuweilen nicht Trost und Verehrung, sondern schlicht und ergreifend Anerkennung und Respekt auf menschlicher Augenhöhe brauchen und verdient haben. Anerkennung dafür, dass sie die Zeche dafür zahlen, dass Menschsein a priori eben nicht viel mit Zivilität, aber umso mehr mit archaischer Überlebensstrategie und Machtstreben zu tun hat.

Sich dies zu vergegenwärtigen bringt mehr, als Krokodilstränen angesichts anscheinend fehlerhafter Werbekampagnen zu vergießen. Dass es sich beim Dienst in der Bundeswehr nicht um "ein Spiel" handelt, wie Dorn aus der Werbung herauslesen zu können glaubt, weiß jeder, der Zeitung liest. Dennoch oder gerade deswegen mit menschlichen Aspekten für diesen Dienst zu werben, kann man ebensogut als Respekt vor den Menschen in Uniform verstehen.

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