31 Oktober 2016

von Schirachs “Terror” und das Fehlurteil der Zuschauer - Die dramatische Manipulation

von Roland Bösker

164 mit Sicherheit getötete Passagiere eines Flugzeugs versus 70.000 augenscheinlich mit dem Tode bedrohte Besucher eines Fußballstadions. Die Passagiermaschine ist offenbar von Terroristen gekapert. Sie soll ins voll besetzte Stadion gestürzt werden. Vermutlich. Denn mit Sicherheit ist der Tod der 70.000 erst nach dem Eintritt desselben festzustellen. Der Tod der 164 Flugzeuginsassen hingegen ist im Falle des Abschusses der Maschine mit einer von einem Kampfjet abgefeuerten Luft-Luft-Rakete sicher. In diesem Bewusstsein handelt im verfilmten Theaterstück "Terror" ein Kampfpilot der Bundeswehr, schießt den voll besetzten Passagierflieger ab - und wird vom zu Schöffen ernannten Publikum mehrheitlich freigesprochen. So weit, so schlecht.

Opponiert das fernsehende Staatsvolk damit gegen höchstrichterlich festgestellte Grundsätze der eigenen Staatsverfassung? Stimmt die Behauptung mancher, meist konservativer Politiker, es liege in Fällen wie diesem ein “übergesetzlicher Notstand” vor? Darf der Staat in Gestalt eines Kampfpiloten 164 unschuldige Menschen in den sicheren Tod schicken, um Lebensgefahr von 70.000 unschuldigen anderen abzuwenden? Wäre ein Kampfjet-Pilot in einem solchen Fall freizusprechen, wie es das Fernsehpublikum offenbar sieht? Lässt sich eine solches Szenario überhaupt auf die Frage “schuldig oder unschuldig” im Sinne einer Mordanklage reduzieren?

Ein Kampfjet der Bundeswehr. Wäre der Pilot im "Terror"-Szenario ein Mörder?

Die Antwort auf all diese Fragen lautet “nein”. Genau dies ist der Grundlegende Konstruktionsfehler des verfilmten Theaterspiels: An die Stelle eines analytischen Ansatzes, der unterschiedliche Dimensionen der Problematik unterscheidet, einordnet und bewertet, funktioniert die Reduzierung auf ein Schwarz-Weiß-Muster nach dem Prinzip suggestiver Manipulation der Zuschauer. Aus genau diesem Grunde geht das vielfach lobende Medienecho zu dem szenarischen Versuchsaufbau in die falsche Richtung. Das Publikum wird nicht zu differenzierender Diskussion eingeladen, sondern in die Rolle von Versuchskaninchen gedrängt. Die Abstimmungsergebnisse von mehr als 80 Prozent für "unschuldig" erinnern eher an einen pawlowschen Reflex als an echte gedankliche Leistung.

Dabei reichen vier Analyse-Schritte aus, um die Vielschichtigkeit des Problems zu erfassen und zu diffetenzierender Beurteilung zu gelangen. Analog zu diesen Schritten sind vier Sphären zu betrachten und ein Fazit zu ziehen:

1. Staat: Was kann und soll der Staat dürfen - und welche Folgen sind daraus abzuleiten? Gibt es übergesetzliches Recht?

2. Mensch: Unerträgliche Seelenqualen und der Zwang zur Entscheidung.

3. Soldat: Trägt der Kampfjet-Pilot aufgrund seiner militärischen Ausbildung besondere Verantwortung?

4. Strafrecht: Wie könnte ein Abschuss eines zivilen Jets angemessen gewürdigt werden?

5. Fazit: Zu viel Drama.

Der Staat - Einhegung der Macht

Eine Besonderheit des freiheitllichen Rechtsstaats Bundesrepublik Deutschland liegt darin, dass er vom ihn manifestierenden Dokument gleichsam hinsichtlich seiner Kompetenzen eingehegt und begrenzt wird. Positiv ausgedrückt: Das den Staat begründende Dokument weist dem Staat einen klaren Zweck zu: die unantastbare Würde des Menschen mit allem zu schützen, was dem Staat zur Verfügung steht. Damit steht die Würde des Menschen auch über jedweder staatlichen Macht, die vom Volke ausgeht. Keine, absolut keine wie auch immer geartete in einer demokratischen Abstimmung zustande gekommene Mehrheit darf nach den Regeln des Grundgesetzes über menschliches Leben bestimmen. Nicht über ein einzelnes und erst recht nicht über viele. Seien es 164, seien es 70.000.

Quasi mathematisch betrachtet ist jedes einzelne Menschenleben unendlich wertvoll. Unendlichkeit lässt sich nicht nummerisch steigern. Ein Mensch ist ebenso unendlich wie es 164 Menschen oder 70.000 Menschen sind. Eben desbalb funktioniert die Formel vom “kleineren Übel” nicht, welches nach augenscheinlicher Ansicht der Mehrheit der abstimmenden Fernsehgucker sowie der meisten Theaterbesucher, die sich entsprechende Vorstellungen angesehen haben. Dem Staat und seinen Institutionen obliegt die Aufgabe eben diese Würde respektive die Unantastbarkeit derselben zu schützen. Über sie Verfügen darf er nicht.

Mancher mag an die Problematik des so genannten finalen Rettungsschusses denken, mit dem dann ein Mensch gezielt getötet wird, wenn eben dieser Mensch das Leben und damit die Würde eines anderen bedroht. Zwar wird mit der gezielten Tötung auch dem Täter seine Würde genommen, doch geschieht dies unter der Voraussetzung, dass sich der Täter bewusst sein Leben gegen das eines anderen, unschuldigen Menschen setzt. Den Passagieren eines entführten Flugzeugs die Rolle von Tätern zuweisen zu wollen, erschiene bestenfalls skurril.

Diese Selbstbeschränkung des Staates und seiner Macht ebenso wie der Quelle derselben ist keineswegs nur den Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus (respektive, wie man korrekter Weise sagen muss, der Erfahrung der Okkupation der staatlichen Ordnung der Weimarer Republik) geschuldet. Es geht darum, swohl die zerstörerische Kraft des Behemoth wie auch die alles beherrschende Macht des Leviathan nicht nur zu zähmen, sondern aus jedweder rechtsstaatlichen Sphäre auszusperrren. Dies funktioniert nur, wenn zwei Faktoren gegeben sind: Die klare wertegebundene Fundierung des Staates. Und die unüberschreitbare Regel, dass staatliches Handeln nur und ausschließlich von öffentlich nach- und überprüfbaren Regeln abgeleitet wird. Alles andere bedeutete eine Entgrenzung staatlicher Kompetenzen. Eben diese Kompetenzen ergeben sich einzig und allein aus beschlossenen und öffentlichen Gesetzen.

Staatlich gesetztes Recht und Handeln ist an positiviertes Rechts, beschlossene, geschriebene und öffentliche sowie allgemeingültige Gesetze gebunden. Jedes andere so genannte Recht - Stichwort "übergesetzlicher Notstand" oder Naturrecht - mag in der Überzeugung jener, die eine solche Argumentation teilen, im Transzendentalen und im Glauben an eine höhere Macht verwurzelt sein. Glaube allerdings gehört in Kirchen, Moscheen, Synagogen und andere Gotteshäuser. Glaube kann und darf ebenso wenig Grundlage oder gar Quell staatlichen Handelns sein, wie er nicht in den Gerichtssaal gehört. Beschlüsse über schuldig oder unschuldig werden so wenig erbetet wie die darauf aufbauenden Urteile. Beide basieren auf der rationalen und systematischen Zu- beziehungsweise Unterordnung von Tatbeständen zu / unter positivierte, also beschlossene und geschriebene Normen. Juristen sprechen von Subsumbtion.

Seit 1975 ist bei der Prüfung von Sachverhalten und der Urteilsfindung ausdrücklich der "rechtfertigende Notstand" zu beachten, der mit der damaligen Strafrechtsreform als Paragraf 34 ins Strafgesetzbuch aufgenommen worden ist. Darin heißt es: "Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei Abwägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der betroffenen Rechtsgüter und des Grades der ihnen drohenden Gefahren, das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein angemessenes Mittel ist, die Gefahr abzuwenden."

Die der Norm zugrunde liegende Idee geht auf ein Urteil des von 1879 bis 1945 bestehenden Reichsgerichts zurück. Ende der 20er Jahre entschied dieses Gericht zu Gunsten eines Arztes, der entgegen dem damals prinzipiell geltenden Verbot des Schwangerschaftsabbruchs eine Abtreibung vorgenommen hatte, um das Leben der betroffenen suizidgefährdeten Frau zu schützen. Dabei wog das Gericht die Rechtsgüter "Leben der Frau / Mutter" und "Existenz der Leibesfrucht" gegeneinander ab. Dies freilich geschah nicht etwa "freihändig", sondern auf Grundlage bestehender Gesetze: den zu dieser Zeit geltenden Normen zu Totschlag und Schwangerschaftsabbruch. Letztere sah mildere Sanktionen als für Tötungsdelikte vor. Daraus folgerten die Richter, dass das Leben der Mutter als höherwertiges und damit vorrangig zu schützendes Rechtsgut angesehen werden muss.

Entscheidend ist diese Begründung des Freispruchs für den Arzt im Hinblick auf die Frage der Beurteilung eines Abschusses unschuldiger Flugzeugpassagiere respektive ihrer Maschine, weil die vom Reichsgericht entwickelte Rechtsfigur des "übergesetzlichen Notstandes" auf bestehenden Normen fußte. Wer mit "übergesetzlichem Notstand" hingegen besagten Flugzeugabschuss rechfertigt respektive rechtfertigen zu können glaubt, positioniert sich nicht nur außerhalb der geltenden Rechtsordnung, sondern negiert auch jedwede aufgeklärte Rechtsidee im Sinne des von Kant formulierten kategorischen Imperativs. Dieser nämlich stellt die rechtsphilosophische Grundlage für das auch vom Bundesverfassungsgericht in seinem einschlägigen Urteil zu Flugzeugabschüssen festgestellte Verbot des Gegeneinanderaufrechnens von Menschenleben dar. Wenn der Wert eines einzelnen Menschenlebens nicht bezifferbar ist, geht die Gleichung "lieber 164 als 70.000 Tote" nicht auf. Die Frage, ob einem tatsächlichen und nicht nur inszenierten Abschuss eines Passagierjets über dem dicht besiedelten Territorium der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich nur die Passagiere zum Opfer fielen oder auch am Boden Menschen getötet würden, blende ich an dieser Stelle bewusst aus.

Nichtsdestoweniger zeigen die Ergebnisse der Publikumsabstimmungen sowohl zu Theateraufführungen wie auch zur Fernsehinszenierung, dass viele Menschen eine vermeintlich empirisch untermauerte Abwägung goutiert, wenn die überwältigende Mehrheit den Kampfpiloten freisprechen will. Weil die Tötung eines einzelnen Menschen ebenso ein Normenverstoß darstellt wie Tötung hunderter oder gar tausender, kann es keinen Freispruch geben, will man nicht jedwede Rechtsdogmatik durchbrechen und damit dem Rechtsstaatsprinzip den Boden entziehen.

Der Mensch - Seelenqualen

Sowohl die Tötung unschuldiger Menschen als auch das Unvermögen, die Tötung Unschuldiger zu verhindern, erzeugt zweifelsohne seelische Not. Zumal wenn es um hunderte, gar tausende Menschen geht. Vor das Dilemma gestellt, entweder 164 Passagiere eines Passagierfliegers per Abschuss des des Flugzeuges in den sicheren Tod zu schicken oder mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod mehrerer tausend Besucher eines Stadions in Kauf zu nehmen, erscheint es verständlich, im vermeindlich “kleineren Übel”, dem Abschuss der 164, einen ethischen Ausweg erkennen zu wollen.

Dieser vermeindliche Ausweg erweist sich jedoch bei genauer Betrachtung als moralische Sackgasse. Wo die Grenze seelischer Belastbarkeit erreicht, gar überschritten zu werden droht, neigt der Mensch zu vermeintlich rationalem Escapismus. Die Logik des “kleineren Übels” entspringt einem archaischen Blickwinkel. Konsequent zuende gedacht mündet sie in ein bestenfalls mittelalterlich anmutendes Menschenbild, in dem bestimmten Menschen gottgleiche Kompetenz zugeschrieben wird, Menschenleben gegeneinander abzuwägen und nach Gutdünken zu beenden.

Die schiere Monströsität des terroristischen Vorhabens, zigtausende Leben damit zu beenden, dass eine quasi menschliche Bombe in eine Menschenmenge gestürzt wird, mag dazu verleiten, das Ungeheuerliche auf der eigenen gedanklichen Ebene quasi auszuhebeln. Der gleiche Hebel aber, der das erwartete größere Übel “aushebeln” soll, bräche gleichsam ein Tor aus seinen Scharnieren, das die Unantastbarkeit der Würde des Menschen vor dem Ansturm geradezu dämonischen Allmachtsglaubens bewahrt.

Sicherlich vermag die rechtliche Unterscheidung zwischen schuldhaftem Handeln und der Übernahme von Verantwortung dafür, unmenschliche Taten auszuhalten, keinen Trost spenden. Doch entspräche der Befehl, in diesem Falle den Sturz einer voll besetzten Maschine in eine Menschenmange per Abschuss zu verhindern, die Negation jedes wertegebundenen Maßstabs für staatliches Handeln.

Man mag die Erkenntnis, zur Untätigkeit verdammt zu sein, als Escapismus ablehnen. Die einzige Möglichkeit staatlichen Handelns jedoch basiert auf kriegerischer Logik. Und selbst unter Bedingungen des Krieges wäre es höchstens mit gedanklich-rechtlichen Verrenkungen möglich, die gezielte Tötung von Nichtkombattanten mit der beabsichtigten Rettung anderer Nichtkombattanten zu rechtfertigen.

Einziger Ausweg - oder jedenfalls die Schimäre eines solchen - mag für den einzelnen Menschen tatsächlich die Sphäre des Transzendentalen, möglicherweise religiöser Glaube bilden: Im Bewusstsein menschlicher Unvollkommenheit verbunden mit der Hoffnung darauf, vor einer höheren Macht und / oder Instanz Verzeihung oder gar Rechtfertigung für eigenes Handeln zu erfahren, kann ein einzelner Mensch sicherlich zu dem Schluss kommen, dass der Abschuss einer Maschine Fall gerechtfertigt ist.

Für den Staat Bundesrepublik Deutschland und ihre staatlichen Instanzen bieten tranzendentale oder gar religiöse Überlegungen keine Grundlage für eine solche Entscheidung. Die Präambel des Grundgesetzes ist nicht umsonst dem eigentichen Gesetzestext vorangestellt. Das in der Präambel mit der Formulierung der “Verantwortung vor Gott und den Menschen” angedeutete Bewusstsein menschlicher Unvollkommenheit begründet ja gerade die Unantastbarkeit der Menschenwürde.

Anders herum betrachtet: Wer unter Bezugnahme auf “übergesetzliche Notstände” (denn es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass es bei einem solchen Notstand bleiben wird) menschliches Leben zur Verfügungsmasse staatlichen Handelns macht, hat auch nicht verstanden, dass die Weimarer Verfassung formal bis 1945 bestand und in Kraft war.

Der Soldat - die einsame Entscheidung

Ihre Ausbildung bereitet Soldaten primär darauf vor, im Krieg zu bestehen. Sie sollen den jeweiligen vom Souverän erteilten Auftrag ausführen und politisch definierte Ziele gegebenenfalls mit dem Einsatz von Waffengewalt erreichen. Existenzielle Rechtfertigung jeder Armee und der mit dieser verbundenen Ausgaben der öffentlichen Hand ist die Sicherung der territorialen Integrität eines Staates mit dem Ziel, die Bevölkerung zu schützen und die Selbstbestimmung des (demokratischen) Souveräns zu sichern.

All dies müssen Soldaten im Extremfall unter Bedingungen leisten, zu denen keinerlei diskursorische Erörterung der Voraussetzungen oder Folgen einer Handlung oder eines Befehls mehr möglich sind: Im Krieg und / oder in irrigulären Konfliktsituationen. Die Entführung eines Flugzeuges im Luftraum der Bundesrepublik Deutschland zum Zwecke eines Angriffs auf Personen auf ihrem Territorium ist am ehesten mit einer irrigulären Konfliktsituation vergleichbar. Einschlägige “Rules of Engagement” in nichtstaatlichen bewaffneten Konflikten sehen in der Regel die weitestgehende Schonung Unschuldiger respektive Unbeteiligter vor. Ein Vorgehen gegen nicht unmittelbar am Konflikt beteiligte Personen ist also nicht statthaft. Nur Zyniker betrachten Entführungsopfer als am Konflikt beteiligt. Der Konflikt besteht zwischen den Entführern / Terroristen und dem Staat, dessen Aufgabe der Schutz Unschuldiger ist.

Diese theoretische Betrachtung hilft respektive half - wenn man sich in die Inszenierung des besagten Films anschaut - dem Kampfpiloten nicht wesentlich weiter, sieht beziehungsweise sah er sich doch in der Situation entscheiden zu müssen, ob 164 oder 164 plus eine große Anzahl der 70.000 im Stadion befindlichen Personen sterben müssen.
Als Teil der staatlichen Institution Bundeswehr darf und kann er aus dargelegten Gründen diese Entscheidung nicht fällen. Als Mensch und Individuum ist es verstehbar, dass sich der Pilot nach eigener Darstellung in einem Gewissenskonflikt befand respektive in einer realen Situation befände. Im Angesicht dieser Hin- und Hergerissenheit darf allerdings soldatische Professionalität nicht komplett ausgeschaltet werden: Ein Abschuss müsste über freiem, unbewohnten Gebiet erfolgen, damit tatsächlich und mit Sicherheit am Boden befindliche Personen geschont werden. Im konstruierten Szenario des Films war das der Fall.

Tatsächlich würde ein solches freies Territorium in Deutschland von einem Stadion mit höchster Wahrscheinlichkeit so weit entfernt sein, dass es unmöglich wäre, die genaue Flugroute oder gar ein Einschlags- respektive Absturzziel zu erkennen und zu benennen. Doch nur wenn mit absoluter Sicherheit mit einem Abschuss der Passagiermaschine eine große Zahl von Opfern vermieden werden könnte, wäre die Entscheidung für den Abschuss angesichts der seelischen Qualen, die ein Kampfjetpilot ertragen müsste angesichts des drohenden Eintritts tausender Opfer aus menschlicher Sicht verständlich und hinsichtlich des gedanklichen Ansatzes nachvollziehbar.

In einem solchen überaus unwahrscheinlichen Fall, in dem es tatsächlich zu einem Abschuss käme, dürfte und könnte sich der Kampfjet nicht darüber beschweren, “von der Politik allein gelassen wordenzu sein”. Eben solche Äußerungen sind im Zusammenhang mit dem Fernsehspiel von Interessenvertretern der Piloten gefallen. Politik und Staat lassen die Piloten ja gerade nicht allein, sondern geben ihnen klare Vorgaben: In ihrer Eigenschaft als Staatsvertreter respektive im staatlichen Auftrag Handelnde ist ihnen ein Abschuss einer Passagiermaschine verboten. Für möglicherweise anfallende Todesopfer wegen eines Einschlages einer entführten Maschine woe auch immer trifft die Piloten formal weder Schuld noch Verantwortung.

Sofern sich ein Kampfpilot aus menschlicher Verzweiflung angesichts der eigenen Hilflosigkeit dennoch zum Abschuss einer Passagiermaschine entschließt, zieht lediglich der Verweis auf eine andere soldatische Tugend: Opferbereitschaft. Der schießende Pilot hätte schlicht damit zu leben, dass sein Tun strafrechtlich und disziplinarisch gewürdigt und sanktioniert würde. Eben dies akzeptiert jeder Kampfpilot in dem Augenblick, in dem er seinen Beruf ergreift. Sich im Nachhinein über angebliche politische Vereinsamung zu beschweren, mutet dem gegenüber ebenso weinerlich an wie die Behauptung des Kampfpiloten im Film zynisch ist, Flugpassagiere akzeptierten mit dem Einsteigen in eine Passagiermaschine, Entführungsopfer zu werden.

Ein Schuldspruch wäre unvermeidbar. Ob ein solcher Schuldspruch zwingend ungerecht wäre respektive vom Volk - in dessen Namen Urteile ja ergehen - als ungerecht empfunden würde, liegt sicherlich nicht zuletzt an dem mit einem solchen Spruch verbundenen Tatbestand und dem entsprechenden Strafmaß. Wie dies ausfallen könnte, erörtere ich im Folgenden.

Das Strafrecht - Schuld und Würdigung derselben

Es stellt sich ergo die Frage, wie der Tatbestand der Tötung der 164 Passagiere einzuordnen und unter welche Norm er zu subsumieren ist. Schuldhaft geschehen ist die Tötung allemal.

Notwehr gemäß Paragraf 32 Strafgesetzbuch (StGB) läge nur dann vor, wenn sich das Handeln des Piloten allein gegen die terroristischen Entführer der Passagiermaschine gerichtet hätte. Menschen, die selbst Opfer einer Straftat sind wie die Passagiere des entführten Flugzeugs, können logisch keine Angreifer sein und dürfen ergo nicht "abgewehrt" respektive getötet werden.

Eine Rechtfertigung des Abschusses wegen Vorliegens eines rechtfertigenden Notstandes (Paragraf 34 StGB) scheidet aus. Die Norm basiert auf der Vorstellung, dass Rechtsgüter hinsichtlich ihres Stellenwerts gegeneinander abgewogen werden und das minder wertige Gut zum Schutze des Höherwertigen geschädigt werden darf. Sowohl im Falle der Passagiere wie auch der Stadiongäste handelt es sich um das höchste Rechtsgut unserer Rechtsordnung überhaupt: Menschliches Leben. Da gibt es nichts abzuwägen.

Die der allgemeinen Norm des rechtfertigenden Notstands hinsichtlich der Rechtssystematik vorausgehenden Normen des Bürgerlichen Gesetzbuches beziehen sich lediglich auf Sachen, entfalten also im vorliegenden Fall der Tötung von Menschen keine Wirkung.

Nach welcher Norm ist das Handeln des Kampfjet-Piloten nun also zu beurteilen?

Mord gemäß Paragraf 211 StGB scheidet aus. Zu offenbar sind die (dargestellten) Gewissensnöte des Kampfpiloten, der sich schließlich für das "kleinere Übel", die Tötung von 164 Menschen zum Zwecke des Schutzes der 70.000 im Stadion, entscheidet. Niedrige Beweggründe, die kennzeichnend für Mord sind, fallen ergo aus. Einen von einem regulären Soldaten geführten Kampfjet staatlicher Streitkräfte respektive die zur Jetausrüstung gehörenden Waffensysteme als gemeingefährlich zu bezeichnen, setzte gehörige gedankliche Verdrehungen voraus. Auch dieses Mordmerkmal zieht nicht.
Verbleibende Norm ist der Totschlag (Paragraf 212 StGB) beziehungsweise dessen milder bestrafte Form des minder schweren Totschlags (Paragraf 213 StGB).

Minder schwer wertet das Gesetz einen, wenn - salopp gesagt - der Täter provoziert worden ist. In der Regel geht diese Provokation vom Opfer aus, doch die Norm kennt auch den "sonstigen minder schweren Fall" einer entsprechenden Tat. Zwar ist die schuldhafte Tötung von 164 Menschen an sich sichlich nicht als "minder schwerer" Totschlag zu werten. Doch spricht der enorme Stress, unter dem der Pilot angesichts der Erwartung stand, dass das entführte Flugzeug Zehntausende in den Tod reißen könnte, ebenso für eine Bewertung als minder schwer wie die Motivation, eben diese 70.000 vor Schaden und Tod zu bewahren.

Da das Strafrahmen für minder schwere Fälle des Totschlags von einem Jahr bis zu zehn Jahren reicht, bliebe einem Gericht die Möglichkeit, ein zu bestimmen, das zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Infrage kommt Bewährung bei Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren. Für die Entscheidung, eine Strafe zur Bewährung auszusetzen, ist laut Gesetz die Bewertung der Persönlichkeit des Verurteilten maßgeblich. Auch in dieser Hinsicht sprechen Motiv und der offen zutage getretene Gewissenskonflikt für den Jetpiloten.

Im Ergebnis müsste es zu einem Schuldspruch bei mildest möglichem Strafmaß kommen. Eine Bundeswehr-interne disziplinarische Würdigung des Handelns des Piloten sollte sich daran orientieren.

Hätte der Pilot hingegen nicht geschossen und wäre das Passagierflugzeug tatsächlich in das mit 70.000 Menschen besetzte Stadion geflogen, wäre eine Strafverfolgung wegen Unterlassener Hilfeleistung (Paragraf 323c StGB) oder gar wegen Begehung durch unterlassen aus dem gleichen Grunde ausgeschieden, aus dem der Pilot schuldig zu sprechen ist: Es dreht sich in beiden Fällen darum, dass der Pilot es unterlässt, Menschen zu töten.

Die 70.000 Menschen im Stadion, von denen sicherlich eine große Anzahl bei einem Absturz ins Stadion getötet würden, wahrscheinlich aber nicht alle, was der Zahl vielleicht ein wenig Schrecken nimmt, würden in einem solchen Falle von den Terroristen getötet.

Spekulationen, wie viele Menschen tatsächlich ums Leben gekommen wären, wäre der Passagier-Jet abgestürtzt, erweisen sich dabei bei näherem Hinsehen als weit weniger sinnentleert, als es zunächst den Anschein hat. Die Tatsache, dass bis zum Eintritt des Geschehens niemand weiß, wie viele Opfer tatsächlich zu beklagen wären, lenkt den Blick auf den zweiten Unsicherheitsfaktor: Die (Nicht-)Vorhersagbarkeit tatsächlichen Geschehens. Sofern auch nur die geringste Chance besteht, dass das Flugzeug beispielsweise wie bei einem der 9/11-Flüge von den Passagieren übernommen und zum Absturz über unbewohntem Gebiet gebracht werden kann, ist der Abschuss einer entsprechenden Maschine ein Vabanque-Spiel mit Menschenleben.

Fazit - ein schlechter Film

Dramatik in Dramen entspringt emotionaler Tiefe, entfaltet sich vor dem Hintergund von Konflikten, Herausforderungen und Anfechtungen. Kühle Logik vor dem Hintergrund umfassend und tiefschürfend dargelegter rechtlicher Erwägungen ist weder ein Nährboden für Dramatik noch lässt sie sich allein mit der Gegenüberstellung “Verteidiger des Kampfjetpiloten” versus “anklagende Staatsanwältin” in allen für die letztliche Be- und Verurteilung maßgeblichen Ebenen darstellen.

Der Film suggeriert dem geneigten Publikum, es denke angesichts emotionsbedinger Hin- und Hergerissenheit tatsächlich tiefschürfend über einen Sachverhalt nach. Dass eben dieser eigentlich zunächst zu erörternde Sachverhalt von vornherein vorweggenommen und die Antwort auf die Frage “schuldig oder unschuldig” gleichsam antizipiert macht das manipulative Moment der Fernsehen gewordenen intellektuellen Fata-Morgana aus.

Nichtsdestoweniger: In einer Hinsicht erweist sich das Werk als durchaus nützlich. Es unterstreicht die Notwendigkeit staatsbürgerlicher Bildung nicht nur beim breiten Publikum, sondern auch bei Kulturschaffenden, deren Aufgabe sich eben nicht darin erschöpfen sollte, mit möglichst reißerischen Inszenierungen die eigene Brieftasche zu füllen. Und schließlich: Ferdinand von Schirach und ein gewisser Dr. Franz-Josef Jung sind beide examinierte Volljuristen. Dass der das genannte Werk unters Volk bringt und der andere dies nutzt, um seine von Staatsrechtlern seit Beginn der Aufklärung rüde abgelehnte Theorie vom “übergesetzlichen Notstand” zu verkünden, lässt nichts Gutes in Bezug auf die akademische Ausbildung ganz normaler Juristen vermuten...

Der Autor ist Offizier der Reserve der Bundeswehr im Dienstgrad Oberstleutnant d. R.

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