28 Februar 2017

Von Horror und Menschenwürde: Das Grundeinkommen

von Roland Bösker

Gegen die Menschenwürde verstoße das Bedingungslose Grundeinkommen (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aussenansicht-horrorvision-1.3327052). Sogar eine „Horrorvision“ erkennt Ex-Vorstand der Bundesanstalt für Arbeit Heinrich Alt in seinem Gastkommentar in der Süddeutschen Zeitung in der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. In der Tat lässt sein Beitrag erahnen, dass der Autor ziemlich schlecht geträumt haben muss. Der Aktualität seiner Argumentation nach zu urteilen, mutmaßlich nachdem er einen Frankenstein-Streifen aus der Anfangszeit des Kinos angeschaut hatte.

Visionen versus Emanzipation

Alts eigene Visionen erinnern heftigst an Zeiten, gegen welche just die in seinem eigenen Beitrag angeführten Vertreter emanzipatorischer Philosophie, Hannah Arendt und Ralph Dahrendorf, mit aller Anstrengung angedacht haben. Zugegeben, man muss Alt an dieser Stelle ein gewisses rhetorisches Geschick attestieren, wenn er einen Bogen von Aristoteles bis zu den modernen Denkern schlägt, um dieselben gleichsam mit empörungsschwangeren Vokabeln zu diskreditieren. Von „aberwitzigen“ Vorschlägen bis zu „gegängelten Tagträumern“ reicht Alts Verbalmunition. Auf diese Weise versteckt Alt intellektuelle Inflexibilität hinter einem reichlich durchscheinenden, weil vom Gang der Geschichte zerschlissenen Vorhang.

Sezieren - oder besser: filetieren - wir Alts Ausführungen also der Reihe nach. Den Kern allen Grundeinkommen-Übels stellt nach Alts Darstellung das Lust-Prinzip dar, dem dieses Einkommen in der Arbeitswelt den Weg ebne. „Der Mensch arbeitet nur noch, wenn er Lust dazu hat“, formuliert Alt wörtlich und negiert damit seine eigene Forderung nach „detailliertere[n]“ Gedanken in Bezug auf die Frage des Sinns einer solchen Möglichkeit, soziale Gerechtigkeit und humanistische Emanzipation mit ökonomischer Effizienz zu versöhnen.

Geld für nichts? Oder als Grundlage emanzipierter Selbstverantwortung?

Sinnstreben: Antrieb des Menschen

Es geht ja beim Grundeinkommen gerade nicht um Lust, sondern um Sinnstreben und -erfüllung. Dass Menschen beispielsweise die Chance gegeben würde, ihr Dasein vor allem gesellschaftlich unbestritten wertvollem ehrenamtlichem Engagement zu widmen, anstatt aus ökonomischen Zwängen zur Not noch den letzten - mit Verlaub - Drecksjob anzunehmen, gruselt Alt offenbar. Dass Sinnsuche und -streben mindestens ebenso antriebsstarke Motivationsfaktoren für menschliches Tun und Wirken sein können wie der schnöde Mammon, hat er vor lauter mehr oder minder wohligem Erschauern bei sämtlichen Philosophen überlesen.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, dass Alt genau auf solcherlei Sinnerfüllung abzielende Überlegungen innovativer Manager der Jetztzeit zu desavouieren sucht, indem er der faktisch aus Kapitalkumulationsblasen entstandenen Banken- und Wirtschaftskrise die subfaktische Behauptung entgegenhält, „Quelle aller Wertschöpfung“ sei nach wie vor „die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung“. Wäre dem so, gäbe es weder Gehälter im zweistelligen Millionenbereich noch die gegenwärtig in vielen Ländern Europas anhaltende Krise. Ist Alt einfach ignorant oder schon kaltschnäuzig?

Pseudo-Qualifikationen für Langzeitarbeitslose

Für die Vermutung der Kaltschnäuzigkeit eines abgehalfterten Lobbyisten (der sich leider von einem Teil der ihn bislang protegierenden Managerklasse verlassen sieht) spricht die einzige korrekte Feststellung in Alts Beitrag. Nämlich jene, dass die in erbrachten Arbeitsstunden gemessene Erwerbstätigkeit derzeit so hoch ist wie nie. Wie viele dieser Stunden mit dem kaum das Existenzminimum absichernden Mindestlohn bezahlt worden sind, verschweigt Alt indes ebenso wie die Tatsache, dass unzählige Langzeitarbeitslose in jüngster Zeit von den Jobcentern in die private Sicherheitswirtschaft gedrängt worden sind. Diese Branche verdient sich an im Durchlauferhitzer-Prinzip pseudo-qualifizierten „Securitys“ eine goldene Nase, indem sie die Leute als Bewacher auf Flüchtlingsnotunterkünfte loslässt.

In Alts Gedankenwelt nehmen solche Arbeitgeber ihre „Verantwortung gegenüber den Erwerbstätigen“ wahr. Für eben diese patriachalische Fürsorge sollen prekär beschäftigte Arbeitnehmer auch noch dankbar sein. Schließlich würden sie davor bewahrt, den Verlockungen „anstrengungslosen Glücks“ zu verfallen, von dem berauscht sie ihren Kindern mangels Anerkennung und Status keine Vorbilder sein könnten. Schreibt das ehemalige Mitglied des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit Heinrich Alt. Doch anstatt die Seuche prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu heilen, trachtet Alt danach, kritische Patienten zu erschlagen.

Essen nur für Erwerbsarbeit

Der Tatsache sich gegenwärtig verschärfender Lohn- und Gehaltsspreizung begegnet Alt lapidar mit der Behauptung, nur „wer arbeitet, ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“. Welche politische Gruppierung vertrat zu Zeiten der Weimarer Republik noch gleich die Parole „Nur wer arbeitet soll auch essen!“?

Immerhin löst Alt mit seinen Thesen eine der großen Herausforderungen moderner Wirtschaftswissenschaft. Ökonomen suchen längst nach Möglichkeiten, unbezahlte weil ehrenamtlich oder im Familienrahmen beispielsweise mit Pflege und Betreuung erbrachte Leistungen in die Berechnung sozial-ökonomischer Produktivität einfließen zu lassen. Laut Alt existiert solcherlei Wertschöpfung nämlich nicht. Ebenso wenig haben nicht erwerbstätig beschäftigte Elternteile, die sich Haushalt und Erziehung widmen, einen Status von gesellschaftlichem Wert. Die Ökonomen können ihre Überlegungen ad acta legen, nicht erwerbstätige Personen dürfen sich als Diener der Verdienenden betrachten.

Gesellschaftlich-soziale Produktivität

Die Anerkennung gesellschaftlich-sozialer Produktivität der pflegend, helfend, sozial engagiert oder anderweitig tätigen Personen mittels Grundeinkommen, wenn diese Personen keiner traditionellen Erwerbstätigkeit nachgehen, brächte für alle die Freiheit, sich zwischen abhängiger Beschäftigung, eigenem Unternehmertum, Selbstständigkeit und ausschließlich (bislang) nicht marktkonformer, sozialer Produktivität zu entscheiden. Für Alt ein Gräuel. Er verlangt nach einem Staat, der „auch jenen Lebens(sic!)perspektiven anbieten [muss], die nur eingeschränkte Chancen auf Beschäftigung haben“. Die Entscheidung über ebensolche Chancen inklusive. Bürokratische Bevormundung anstelle individuellen Sinnstrebens.

Manager wie die eingangs zitierten sollen sich laut Alt um ihre Unternehmen kümmern. Nur um ihre Unternehmen. Politische Diskussionen und gesellschaftlicher Diskurs gehen sie nach Alts Ansicht nicht an, stellen in seinem Denken einen Eingriff in staatliche Sphäre dar. Zur Pflege, Regulierung und Beaufsichtigung eben dieser und sämtlicher in ihr, der Sphäre, alimentiert der gute alte Vater Staat dann Vertreter wie Alt selbst. Die entscheiden dann darüber, wer zu welcher Arbeit fähig ist respektive herangezogen werden kann oder zum Frührentnerdasein begnadigt wird. Weil eben dieser Staat in Zeiten von Globalisierung und Terrorgefahr nichts Besseres zu tun hat, als seine Bürger zu bevormunden, anstatt ihnen ihr individuelles Streben nach Glück zu ermöglichen.

Dass Arbeitgeber mit dem Grundeinkommen gleichsam motiviert würden, Arbeitsplätze so attraktiv zu gestalten, das ihre Beschäftigten die jeweilige Beschäftigung tatsächlich als Status im positiven Sinne empfinden, fällt da beinahe nicht mehr ins Gewicht.

Kommentare

Hermann schrieb:

<3 Danke für diesen Beitrag!

01 März 2017 um 11:45

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